Die EWIPA-Überlebende Marwa Almbaed appelliert an Militärs, die an einem Workshop zur Implementierung der EWIPA-Erklärung in Wien teilnehmen.

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Marwa Almbaed auf dem Podium des Militärwork 

"Mit 20 fand ich einen Ort, an dem ich den Krieg einfach hinter mir lassen und meinen persönlichen Frieden finden konnte – das Tangotanzen. Doch nur bis zu jenem Tag, dem 21. Juli 2015, an dem ich mit meiner Familie im Auto saß und mein Vater die Kontrolle über das Auto verlor, ausgelöst durch eine Bombe, die auf die Fahrbahn eingeschlagen war.

Als ich nach der Operation aufwachte, sagten mir die Ärzte, dass ich nicht mehr laufen können werde. Ich versuchte zu verstehen, was das bedeutet: Ich kann keinen anderen Menschen mehr helfen, ich kann nicht mehr Tango tanzen, ich kann nicht mehr das gleiche Leben führen wie früher. Ich sah meine Zukunft nicht mehr. Vor mir war nichts als Leere."

Diese berührenden Worte richtete Selbstvertreterin Marwa Almbaed am 24. Januar 2024 an die Anwesenden eines internationalen Militärworkshops in Wien – an die insgesamt 100 Teilnehmer*innen aus 45 Ländern, in der Mehrzahl hochrangige Militärs. Diese waren der Einladung des österreichischen Außenministeriums und der österreichischen Militärakademie gefolgt, um eine zentrale Verpflichtung der politischen Erklärung zur Regelung von Explosivwaffeneinsätzen in bevölkerten Gebieten (EWIPA) zu konkretisieren.

Die EWIPA-Erklärung und ihre Implementierung

Dieses internationale Abkommen zu EWIPA wurde im November 2022 von 83 Staaten unterzeichnet. Es erkennt die direkten und indirekten Folgen an, die der Einsatz von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten hat – also überall wo Menschen dicht an dicht leben. Und es formuliert Verpflichtungen, um den Schutz der Zivilbevölkerung zu stärken.

Über 100 Staaten, das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) sowie internationale und zivilgesellschaftliche Organisationen hatten knapp drei Jahre über den genauen Wortlaut dieses Abkommens verhandelt. Durch die Anpassung militärischer Einsatzregelungen und Praktiken – eine der in der Erklärung verankerten Verpflichtungen – soll die Zivilgesellschaft in bewaffneten Konflikten künftig besser geschützt werden. Der Workshop in Wien war dabei nur der erste seiner Art, weitere sollen in der aktuellen Implementierungsphase der politischen Erklärung folgen.

Damit die Militärs in ihren so wichtigen Überlegungen und dem Austausch zu ihren militärischen Strategien nicht die Hauptleitragenden aus den Augen verlieren – nämlich die von bewaffneten Konflikten betroffenen Zivilistinnen und Zivilisten – reiste Marwa zusammen mit Handicap International nach Wien.

Denn wie das einleitende Zitat deutlich macht, ist Marwa selbst Überlebende des Einsatzes von Explosivwaffen. Es brauchte damals nur ein paar Sekunden, um Marwas Leben für immer zu verändern:

"Ich war 24, als ich alles verlor, was ich mir aufgebaut hatte. In diesem Alter sollte ich eigentlich das Leben genießen. Stattdessen musste ich mit einem Trauma leben, völlig zerrüttet und hilflos, und darüber nachdenken, womit ich das nur verdient habe."

Marwas Geschichte

Marwa stammt aus Damaskus in Syrien. Sie war 19 Jahre alt, als der Krieg in Syrien ausbrach. Marwa begann, sich als Freiwillige in einem Geflüchtetenlager zu engagieren, wo sie dabei half, Binnenvertriebene aus anderen Städten Syriens mit Kleidung und Mahlzeiten zu versorgen.

Die Lebensbedingungen für die Zivilbevölkerung im Krieg verschlechtern sich bereits enorm, aber für Menschen mit Behinderung ist dies noch deutlich spürbarer. Auf dem internationalen Workshop teilte Marwa ihre Erfahrungen und Gedanken von der Zeit nach ihrem Unfall, als sie und ihre Familie die Bombardierungen in ihrer Heimatstadt erlebten:

„Ich saß zu Hause und hörte Bomben und Raketen. Ich fragte mich, wie ich nur mit meiner Familie fliehen könnte, wenn unserem Haus etwas zustößt. Wie konnte ich überleben, wenn die Gefahr näher kommt? Sollte meine Familie einfach weglaufen und mich zurücklassen, weil sie gar nicht so viel Zeit hatten, um mich zu tragen? Wäre es fair, wenn sie bei mir bleiben würden, da wir dann alle sterben würden?“

Erst mit ihrer Flucht nach Deutschland und der notwendigen ergotherapeutischen Versorgung vor Ort konnte Marwa wieder ein eigenständiges Leben führen – und vor allem ein Leben ohne die ständige Angst, im Notfall nicht schnell genug evakuiert werden zu können.

Marwas Appell

Mit der Teilnahme am Workshop ging ein langersehnter Wunsch Marwas in Erfüllung: mit denjenigen zu sprechen, die die Macht haben, etwas an dieser Situation zu ändern. So appellierte sie an die anwesenden Militärs:

"Wenn Sie heute anfangen, über die notwendigen Änderungen zu diskutieren, seien Sie sich Ihrer Macht bewusst! Sie können wirklich etwas an dieser Situation ändern und Tausende von Leben retten.“

Außerdem sollten sie nie vergessen, Überlebende von Kriegen und Waffengewalt in solche Formate und Austausche miteinzubeziehen:

„Hören Sie auf Menschen wie mich, die den Krieg miterleben mussten. Denn wir kennen die Auswirkungen des Krieges auf das Leben der Zivilbevölkerung. Wir wissen, was Zivilist*innen brauchen. Wir stehen Ihnen dabei zur Seite“

Marwas Worte und ihre Bereitschaft ihre Geschichte zu teilen, berührte die Anwesenden sichtlich und führte dazu, dass sie zu weiteren Veranstaltung im Rahmen der Implementierung der politischen Erklärung zu EWIPA eingeladen wurde.

Portraits aus unseren Ausstellungen

In Zusammenarbeit mit dem Journalisten und Fotografen Till Mayer haben wir zwei Ausstellung konzipiert, die deutschlandweit verliehen werden. "Barriere:Zonen" und "erschüttert" erzählen bewegende Geschichten von Menschen aus Krisengebieten, von denen viele eine Behinderung haben. Lesen Sie hier Ihre Geschichten.

Amine und ihr Vater sitzen vor einer Wand und lächen sich an.
Amina lernt laufen

Die 7-jährige Amina verlor durch eine Raketenangriff während der Machtergreifung der Taliban im Juli 2021 ein Bein, zwei Geschwister und ihre Mutter. Im Reha-Zentrum von Handicap International lernt sie ein zweites Mal zu laufen: Mit einem gesunden Bein und einer Prothese.

Valentina hält in einem Keller eine Kerze hoch.
Valentina bleibt

Till Mayer hat die damals 79-jährige in der Ostukraine nahe der Front besucht. Fast nur noch alte Menschen sind vor Ort geblieben. Manche erinnern sich noch an den Zweiten Weltkrieg und müssen nun wieder Bombardierung und Vertreibung erleben.

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