Einsatz von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten (EWIPA) in der Ukraine
Die Ukraine befindet sich bereits im fünften Jahr des Krieges infolge der großangelegten Invasion im Februar 2022. Seither wurden unzählige Einsätze von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten (EWIPA) verzeichnet, einschließlich nahezu täglicher Bombardements auf Wohngebiete, Energieinfrastruktur, Schulen, Krankenhäuser und humanitäre Einrichtungen – mit gravierenden Folgen für die Zivilbevölkerung. Dabei besonders gefährlich: der Einsatz von Drohnen, Raketen und Bomben.
Explosivwaffen wie Mörserbomben, Raketen, Artilleriegranaten oder die von vielen Staaten geächtete Streumunition verursachen aufgrund ihrer Flächenwirkung massive Zerstörung. Beim Einsatz in bevölkerten Gebieten verletzen oder töten sie Zivilist*innen nicht nur direkt durch Explosionen und indirekt durch einstürzende Gebäude oder Brände – sie hinterlassen auch schwere psychische Traumata. Dies erhöht den Bedarf an Rehabilitationsmaßnahmen, psychologischer und psychosozialer Unterstützung sowie anderen Versorgungsleistungen.
Fast tägliche Angriffe auf die Energieinfrastruktur im ersten Quartal 2026 beschädigten wichtige Teile des Stromnetzes in 17 Regionen der Ukraine und führten zu langanhaltenden Ausfällen in der Strom-, Wärme- und Wasserversorgung. Dadurch wird der Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen wie Gesundheitsversorgung, Nahrungsmitteln und Energie erheblich eingeschränkt. Seit dem Beginn der Invasion der Ukraine wurden fast 3.000 Angriffe auf medizinische Einrichtungen verzeichnet. Laut dem Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) waren Anfang 2026 10,8 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen, davon 3,6 Millionen, die als besonders gefährdet eingestuft und priorisiert wurden.
Das lesen Sie auf dieser Seite:
- Schwerwiegende Folgen für die Zivilbevölkerung
- Besonders betroffene Bevölkerungsgruppen
- Drei Waffentypen besonders gefährlich für die Zivilbevölkerung
- Die Politische Erklärung
- Dokumentation besonders verheerender Einsätze von Explosivwaffen
- Statements von HI und anderen NGO
Zuletzt geändert am 15.04.2026
Schwerwiegende Folgen für die Zivilbevölkerung
Der Bericht des OHCHR dokumentiert eine erschütternde Lage für die Zivilbevölkerung:
Mindestens 58.930 Zivilpersonen wurden seit Beginn der umfassenden Invasion getötet oder verletzt. Allein in den ersten drei Monaten des Jahres 2026 wurden in 19 Regionen der Ukraine, sowie in der Stadt Kiew, mindestens 566 Zivilpersonen getötet und mindestens 27.311 verletzt.
Im März 2026 stieg die Zahl der zivilen Opfer in der Ukraine stark an: um 49 % gegenüber Februar und um 29 % gegenüber März 2025, was die höchste monatliche Opferzahl seit Juli 2025 darstellt.
Zwar setzen beide Konfliktparteien, die Ukraine und Russland, Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten ein, doch die überwiegende Mehrheit (98%) der gemeldeten Fälle an zivilen Opfern und Schäden an der Infrastruktur fanden bisher auf Gebieten statt, die von der Ukraine kontrolliert werden.
In den ersten drei Monaten des Jahres 2026 führte Russland wiederholt Angriffe auf die Energieinfrastruktur durch. Sechs groß angelegte, koordinierte Angriffe und mindestens zehn direkte Treffer auf Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen führten unter eisigen Winterbedingungen zu anhaltenden Unterbrechungen der Strom-, Wärme- und Wasserversorgung.
In Kiew trafen Raketen und Drohnen mehrmals zwei Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, wodurch jedes Mal die Fernwärmeversorgung von fast 6.000 mehrstöckigen Gebäuden unterbrochen wurde. Die Schäden waren letztlich so umfangreich, dass die Behörden bekannt gaben, dass sie die Zentralheizung in mehr als 1.100 mehrstöckigen Gebäuden in diesem Winter nicht wiederherstellen könnten.
Dies führte zu einem kritischen Temperaturabfall in den Wohnungen, was einige Bewohner*innen zur Umsiedlung zwang. Besonders betroffen waren Menschen mit eingeschränkter Mobilität, Familien mit kleinen Kindern und ältere Bewohnerinnen, für die das bloße Überleben zu einer täglichen Herausforderung wurde.
Besonders betroffene Bevölkerungsgruppen
Explosivwaffen können von Natur aus nicht zwischen Kombattant*innen und der Zivilbevölkerung unterschieden. Zusätzlich treffen sie Zivilist*innen aufgrund bereits bestehender Verwundbarkeiten und Ungleichheiten auf unterschiedliche Weise. Frauen, Kinder, Menschen mit Behinderungen und ältere Personen zählen zu den am stärksten betroffenen Gruppen, da sie im Falle von Luftangriffen oft am meisten Schwierigkeiten haben, rechtzeitig Schutz zu finden.
Auch die wiederholten Angriffe auf die Energieinfrastruktur zwingen schutzbedürftige Menschen, wie Ältere oder Menschen mit Mobilitätseinschränkung, auf unsichere Bewältigungsstrategien zurückzugreifen. Verheerende Folgen für die Gesundheit von Frauen und Neugeborenen stellen die Angriffe auf Krankenhäuser, insbesondere auf Entbindungsstationen, dar.
Diese Angriffe verstoßen gegen das internationale humanitäre Recht. Besonders alarmierend ist ebenfalls, dass Kinder siebenmal häufiger als Erwachsene an den Folgen von Explosionen sterben. Zudem erschweren die Bombardements von Schulen und kritischen Infrastrukturen Kindern den Zugang zu Bildung stark. Kinder werden nicht nur des Wissens, sondern auch der sozialen und emotionalen Entwicklung beraubt.
Drei Waffentypen besonders gefährlich für die Zivilbevölkerung
Der unverhältnismäßige Einsatz von Drohnen, Raketen und Bomben in bevölkerten Gebieten stellen eine besonders gravierende Bedrohung für die Zivilbevölkerung in der Ukraine dar.
Seit 2022 setzt Russland verstärkt sogenannte „Loitering Munitions“ – auch bekannt als „Kamikaze-Drohnen“ ein –, darunter die iranische Shahed. Sie fliegen niedrig, sind schwer zu orten und zerstören sich beim Einschlag selbst.
Sie schränken den Alltag der Menschen massiv ein, etwa beim Weg zur Schule, ins Krankenhaus oder sogar nach Hause, und verbreiten Angst auf offener Straße. Die „Kamikaze-Drohnen“ sind besonders riskant, denn sie werden gezielt auf Hilfsfahrzeuge und die Energieinfrastruktur eingesetzt, um humanitäre Hilfe zu blockieren oder weitreichende Energieausfälle zu bewirken.
Tausende Shahed-Drohnen wurden bisher in Wellen, oft nachts, gestartet und zielten bewusst auf das ukrainische Energienetz sowie auf Wohngebiete. Nach Angaben des Institute for Science and International Security führte Russland im Winter 2026 14 groß angelegte kombinierte Angriffe durch, bei denen Shahed-Drohnen zusammen mit Raketen eingesetzt wurden, um die Luftabwehrsysteme zu überwältigen.
Kurzstreckendrohnen mit „First-Person-View“-Technologie (FPV) liefern den Steuernden Echtzeitbilder und gelten theoretisch als präziser, da sie eine bessere Unterscheidung zwischen militärischen und zivilen Zielen ermöglichen. Dennoch ist ein deutlicher Anstieg ziviler Opfer durch solche Angriffe zu verzeichnen – was Zweifel an der Einhaltung des humanitären Völkerrechts aufwirft.
Die russischen Streitkräfte haben in der Ukraine mit Kurzstreckendrohnen systematisch Zivilpersonen und zivile Infrastruktur nahe der Frontlinien in den Oblasten Cherson, Sumy und Saporischschja angegriffen und damit ganze Ortschaften unbewohnbar gemacht. Kurzstreckendrohnen richteten sich 2025 und 2026 besonders gegen humanitäre Helfer*innen und Menschen mit Behinderungen, denn Drohnen verfolgen ihre Ziele, wie Krankenwägen, in Echtzeit. Laut der UN-Untersuchungskommission für die Ukraine könnte dieses Vorgehen Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen, einschließlich Mord und gewaltsamer Vertreibung der Bevölkerung. Tausende sahen sich aus Angst vor ständiger Drohnenpräsenz gezwungen zu fliehen.
Neben den Drohnen stellt der Einsatz von Raketen – sowohl Marschflugkörpern als auch ballistischen Raketen – wegen ihres großen Explosionsradius eine noch größere Gefahr für die Zivilbevölkerung in dicht besiedelten Gebieten der Ukraine dar. Oft bleiben den Menschen weniger als drei Minuten, um Schutz zu suchen. Ihr Einsatz verletzt das Verhältnismäßigkeitsprinzip des humanitären Völkerrechts.
Angriffe mit Langstreckenraketen und Drohnen bleiben im Jahr 2026 die Hauptursache für Tote und Verletzte in bevölkerten Gebieten (36 %).
Zu den eingesetzten Systemen zählen unter anderem:
- Die Iskander-K, ein Marschflugkörper, der mit konventionellen Sprengköpfen von bis zu 480 kg oder mit Streumunition ausgestattet werden kann.
- Die KH-22, ein Marschflugkörper mit einem konventionellen Sprengkopf von bis zu 900 kg.
- Die Iskander-M, eine taktische ballistische Kurzstreckenrakete, die Sprengköpfe mit einem Gewicht von bis zu 700 kg tragen kann.
- Weitere Systeme wie die Kh-47M2, eine Hyperschallrakete, stellen aufgrund ihrer extremen Geschwindigkeit und hohen Zerstörungskraft eine vergleichbare Gefahr für die Zivilbevölkerung dar.
Zudem wurden im Sommer 2025 auch Raketen vom Typ X-101 und X-555 eingesetzt.
In der Nacht vom 25. auf den 26. Februar 2026 feuerten russische Streitkräfte 420 Drohnen und 39 Raketen ab. Sie beschädigten die Gasinfrastruktur in Poltawa, Umspannwerke in Kiew und Dnipropetrowsk und ließen große Teile von Odessa, Donezk, Saporischschja, Charkiw und Tschernihiw ohne Strom.
In der Nacht vom 13. auf den 14. März führte Russland einen weiteren massiven Angriff durch und feuerte 13 Raketen, 55 Marschflugkörper, sowie 430 Drohnen (etwa 250 Shaheds).
Der systematische Einsatz von Raketen, Iskander, Kalibr, Kh-101, Zircon, zusammen mit Shahed-Drohnen unterstreicht die Absicht, die Zivilbevölkerung zu gefährden und lebenswichtige Versorgungsdienste lahmzulegen. Das verschärft die humanitäre Not und verstößt gegen das humanitäre Völkerrecht.
Der Einsatz von Luftbomben – sowohl Gleit- als auch ungelenkte Bomben – durch Russland erreichte im März 2026 ein Rekordniveau: In einem einzigen Monat wurden 7.987 Bomben abgeworfen, die Wohngebiete in Charkiw und Donezk verwüsteten. Krankenhäuser und Kliniken wurden zerstört, wodurch die Bevölkerung keinen Zugang mehr zu medizinischer Grundversorgung hatte und sich die humanitäre Notlage weiter verschärfte - besonders für ältere Menschen und Menschen mit Behinderung.
Die Politische Erklärung
Mit der Politischen Erklärung zum besseren Schutz der Zivilbevölkerung vor dem Einsatz von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten (EWIPA) verpflichten sich die Unterzeichnerstaaten, ihre militärischen Richtlinien und Einsatzpraktiken in Bezug auf den Einsatz von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten zu überprüfen und anzupassen, den Zugang für humanitäre Organisationen zu gewährleisten, Überlebende von Explosivwaffeneinsätzen zu unterstützen und explosive Kriegsreste zu beseitigen.
Der Krieg in der Ukraine verdeutlicht die Dringlichkeit dieser Verpflichtungen:
Städte wie Charkiw und Kyjiw wurden wiederholt mit Explosivwaffen angegriffen, was zu hohen Zahlen getöteter und verletzter Zivilpersonen sowie zur Zerstörung lebenswichtiger Infrastruktur führte. Die Politische Erklärung bietet einen Rahmen, um solche Schäden zu verringern und internationale Standards zum Schutz von Zivilist*innen zu stärken.
Weder die Ukraine noch Russland gehören bisher zu den Unterzeichnerstaaten, was die Bedeutung verstärkter internationaler Umsetzung und weiterer Beitritte unterstreicht.
Dokumentation besonders verheerender Einsätze von Explosivwaffen
Seit Januar 2024 trägt Handicap International zusammen mit anderen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in regelmäßigen Abständen besonders schwerwiegende Einsätze von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten in der Ukraine zusammen. Diese Statements erscheinen in regelmäßigen Abständen und dokumentieren chronologisch die verheerenden Konsequenzen des Einsatzes von Explosivwaffen für die Zivilbevölkerung und die Infrastruktur.
Statements von HI und anderen NGO
- Januar 2024 - Juni 2024: NGOs urge to protect civilians from bombing and shelling in populated areas
- Juli 2024 - September 2024: NGOs deeply concerned by the intensification of bombardments on civilian infrastructure
- Januar 2025 - März 2025: NGOs statement on the devastating consequences of constant bombing and shelling on civilians
- April 2025 - Juni 2025: NGOs' Statement on Rising Civilian Casualties in Ukraine: Stop Bombing Civilians
- Juli 2025 - September 2025: Statement on the Escalating Use of Explosive Weapons in Populated Areas and its Devastating Impact on Civilians
- Oktober 2025 - Dezember 2025: Statement on the Intensifying Use of Explosive Weapons in Populated Areas and the Rising Civilian Toll
- Januar 2026 - März 2026: Humanity & Inclusion’s (HI) statement on the use of Explosive Weapons in Populated Areas and the rising civilian toll
Portraits aus unseren Ausstellungen
In Zusammenarbeit mit dem Journalisten und Fotografen Till Mayer haben wir zwei Ausstellungen konzipiert, die deutschlandweit verliehen werden. "Barriere:Zonen" und "erschüttert" erzählen bewegende Geschichten von Menschen aus Krisengebieten, von denen viele eine Behinderung haben. Lesen Sie hier Ihre Geschichten.

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