Explosivkörper inmitten von Trümmern

Einsatz von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten (EWIPA) in der Ukraine

Die Ukraine befindet sich bereits im vierten Winter des Krieges, infolge der großangelegten Invasion im Februar 2022. Seither wurden unzählige Einsätze von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten (EWIPA) verzeichnet, einschließlich wiederholter Angriffe auf Wohngebiete, Energieinfrastruktur, Schulen, Krankenhäuser und humanitäre Einrichtungen – mit gravierenden Folgen für die Zivilbevölkerung. Dabei besonders gefährlich: der Einsatz von Drohnen, Raketen und Bomben. 

Zuletzt geändert am 16.01.2025

Explosivwaffen wie Mörserbomben, Raketen, Artilleriegranaten oder die von vielen Staaten geächtete Streumunition verursachen aufgrund ihrer Flächenwirkung massive Zerstörung. Beim Einsatz in bevölkerten Gebieten verletzen oder töten sie Zivilist*innen nicht nur direkt durch Explosionen und indirekt durch einstürzende Gebäude oder Brände – sie hinterlassen auch schwere psychische Traumata. Dies erhöht den Bedarf an Rehabilitationsmaßnahmen, psychologischer und psychosozialer Unterstützung sowie anderen Versorgungsleistungen. 

Im Laufe des Jahres 2025 eskalierte der Krieg weiter und weitete sich auf neue Gebiete aus, was zu einem erhöhten humanitären Bedarf führte und ganze Regionen unbewohnbar machte. Kritische zivile Infrastruktur wie Energieanlagen, humanitäre Einrichtungen, Krankenhäuser, Universitäten, Schulen und Supermärkte wird häufig gezielt zerstört. Dadurch wird der Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen wie Gesundheitsversorgung, Nahrungsmitteln und Energie erheblich eingeschränkt. Laut dem Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) waren Anfang 2026 10,8 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen, davon 3,6 Millionen, die als besonders gefährdet eingestuft und priorisiert wurden.

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Schwerwiegende Folgen für die Zivilbevölkerung

Der Bericht des OHCHR dokumentiert eine erschütternde Lage für die Zivilbevölkerung: Mindestens 54.339 Zivilpersonen wurden seit Beginn der umfassenden Invasion getötet oder verletzt. Allein in den letzten drei Monaten des Jahres 2025 wurden in der gesamten Ukraine – einschließlich der von der Russischen Föderation kontrollierten Gebiete – mindestens 531 Zivilpersonen getötet und über 2.769 verletzt. Zwar setzen beide Konfliktparteien, die Ukraine und Russland, Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten ein, doch die überwiegende Mehrheit (97%) der gemeldeten Fälle an zivilen Opfern und Schäden an der Infrastruktur fanden bisher auf Gebieten statt, die von der Ukraine kontrolliert werden.

In den letzten Monaten des Jahres 2025 führte Russland zehn groß angelegte, koordinierte Raketen- und Drohnenangriffe auf das ukrainische Stromnetz und dicht besiedelte Gebiete durch. Bei den Angriffen wurden zahlreiche Zivilist*innen getötet oder verletzt und anhaltende Notstromausfälle sowie geplante Stromabschaltungen von bis zu 18 Stunden täglich verursacht. Millionen Menschen blieben dadurch ohne Heizung und Wasser. 

Zudem zerstörte Russland mehr als die Hälfte der ukrainischen Erdgasförderkapazitäten kurz vor Beginn des Wintereinbruchs. Im Dezember waren allein in den Regionen Kyjiw, Odessa und Cherson über eine Million Haushalte ohne Strom und Wärme.

Auch andere wichtige Versorgungsbereiche wurden stark beeinträchtigt. Über 340 Bildungseinrichtungen wurden 2025 beschädigt oder zerstört, was die Bildung von Kindern schwerwiegend beeinträchtigte.

Die Gesundheitsversorgung war ebenfalls schwer betroffen: Laut Weltgesundheitsorganisation entfielen rund 43 % aller weltweiten Angriffe auf das Gesundheitswesen im Jahr 2025 auf die Ukraine, mit insgesamt 561 Angriffen, bei denen 19 Menschen getötet und 201 verletzt wurden. Dadurch verschlechterte sich der Zugang zu medizinischer Versorgung weiter – besonders in Frontgebieten, wo viele verbliebene Bewohner ältere Menschen mit chronischen Erkrankungen sind.

Besonders betroffene Bevölkerungsgruppen

Während Explosivwaffen von Natur aus nicht zwischen Kombattant*innen und der Zivilbevölkerung unterschieden können, treffen sie Zivilist*innen aber aufgrund bereits bestehender Verwundbarkeiten und Ungleichheiten auf unterschiedliche Weise. Frauen, Kinder, Menschen mit Behinderungen und ältere Personen zählen zu den am stärksten betroffenen Gruppen, da sie im Falle von Luftangriffen oft am meisten Schwierigkeiten haben, rechtzeitig Schutz zu finden. Besonders alarmierend ist, dass Kinder siebenmal häufiger als Erwachsene an den Folgen von Explosionen sterben. 

Drei Waffentypen besonders gefährlich für die Zivilbevölkerung

Der unverhältnismäßige Einsatz von Drohnen, Raketen und Bomben in bevölkerten Gebieten stellen eine besonders gravierende Bedrohung für die Zivilbevölkerung in der Ukraine dar. 

Seit 2022 setzt Russland verstärkt sogenannte „Loitering Munitions“ – auch bekannt als „Kamikaze-Drohnen“ ein –, darunter die iranische Shahed. Sie fliegen niedrig, sind schwer zu orten und zerstören sich beim Einschlag selbst. 

Sie schränken den Alltag der Menschen massiv ein, etwa beim Weg zur Schule, ins Krankenhaus oder sogar nach Hause, und verbreiten Angst auf offener Straße. Die „Kamikaze-Drohnen“ sind besonders riskant, denn sie werden gezielt auf Hilfsfahrzeuge und die Energieinfrastruktur eingesetzt, um humanitäre Hilfe zu blockieren oder weitreichende Energieausfälle zu bewirken.

Tausende Shahed-Drohnen wurden bisher in Wellen, oft nachts, gestartet und zielte bewusst auf das ukrainische Energienetz sowie auf Wohngebiete. Der größte Angriff ereignete sich am 23. Dezember 2025, als Russland über 650 Drohnen und Dutzende Raketen an einem einzigen Tag einsetzte. Die Angriffe führten zu Stromausfällen in mehreren Regionen und töteten mindestens drei Zivilpersonen.

Kurzstreckendrohnen mit „First-Person-View“-Technologie (FPV) liefern den Steuernden Echtzeitbilder und gelten theoretisch als präziser, da sie eine bessere Unterscheidung zwischen militärischen und zivilen Zielen ermöglichen. Dennoch ist ein deutlicher Anstieg ziviler Opfer durch solche Angriffe zu verzeichnen – was Zweifel an der Einhaltung des humanitären Völkerrechts aufwirft. 

Die russischen Streitkräfte haben in der Ukraine mit Kurzstreckendrohnen systematisch Zivilpersonen und zivile Infrastruktur nahe der Frontlinien in den Oblasten Cherson, Sumy und Saporischschja angegriffen und damit ganze Ortschaften unbewohnbar gemacht. Kurzstreckendrohnen richteten sich 2025 besonders gegen  humanitäre Helfer*innen und Menschen mit Behinderungen, denn Drohnen verfolgen ihre Ziele, wie Krankenwägen, in Echtzeit. Laut der UN-Untersuchungskommission für die Ukraine könnte dieses Vorgehen Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen, einschließlich Mord und gewaltsamer Vertreibung der Bevölkerung. Tausende sahen sich aus Angst vor ständiger Drohnenpräsenz gezwungen zu fliehen.

Neben den Drohnen stellt der Einsatz von Raketen – sowohl Marschflugkörpern als auch ballistischen Raketen – wegen ihres großen Explosionsradius eine noch größere Gefahr für die Zivilbevölkerung in dicht besiedelten Gebieten der Ukraine dar. Oft bleiben den Menschen weniger als drei Minuten, um Schutz zu suchen. Ihr Einsatz verletzt das Verhältnismäßigkeitsprinzip des humanitären Völkerrechts. 

Gerade in den letzten Monaten des Jahres 2025 wurden über 400 Raketen abgefeuert, häufig in Kombination mit Drohnen, um die Luftabwehr zu überlasten. Schwere Angriffe trafen Krankenhäuser, Schulen und Schutzräume in der gesamten Zentral- und Westukraine.

Zu den eingesetzten Systemen zählen unter anderem: 

Die Iskander-K, ein Marschflugkörper, der mit konventionellen Sprengköpfen von bis zu 480 kg oder mit Streumunition ausgestattet werden kann. 

Die KH-22, ein Marschflugkörper mit einem konventionellen Sprengkopf von bis zu 900 kg. 

Die Iskander-M, eine taktische ballistische Kurzstreckenrakete, die Sprengköpfe mit einem Gewicht von bis zu 700 kg tragen kann. 

Weitere Systeme wie die Kh-47M2, eine Hyperschallrakete, stellen aufgrund ihrer extremen Geschwindigkeit und hohen Zerstörungskraft eine vergleichbare Gefahr für die Zivilbevölkerung dar. 

Zudem wurden im Sommer 2025 auch Raketen vom Typ X-101 und X-555 eingesetzt. 

Auch Luftbomben – sowohl Gleit- als auch ungelenkte Bomben – wurden 2025 auf zivile Gebiete in der Ukraine abgeworfen.

Angriffe in den Regionen Bilenke, Charkiw, Dobropillia und Donezk führten zu zahlreichen getöteten und verletzten Zivilpersonen in Wohngebieten, zerstörten Krankenhäuser und Kliniken und schnitten Gemeinden vom Zugang zu grundlegender Gesundheitsversorgung ab. Dies verschärfte die humanitäre Lage erheblich – besonders für ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen.

Die Politische Erklärung

Mit der Politischen Erklärung zum besseren Schutz der Zivilbevölkerung  vor dem Einsatz von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten (EWIPA) verpflichten sich die 90 Unterzeichnerstaaten, ihre militärischen Richtlinien und Einsatzpraktiken in Bezug auf den Einsatz von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten zu überprüfen und anzupassen, den Zugang für humanitäre Organisationen zu gewährleisten, Überlebende von Explosivwaffeneinsätzen zu unterstützen und explosive Kriegsreste zu beseitigen.

Der Krieg in der Ukraine verdeutlicht die Dringlichkeit dieser Verpflichtungen: 

Städte wie Charkiw und Kyjiw wurden wiederholt mit Explosivwaffen angegriffen, was zu hohen Zahlen getöteter und verletzter Zivilpersonen sowie zur Zerstörung lebenswichtiger Infrastruktur führte. Die Politische Erklärung bietet einen Rahmen, um solche Schäden zu verringern und internationale Standards zum Schutz von Zivilist*innen zu stärken.

Weder die Ukraine noch Russland gehören bisher zu den Unterzeichnerstaaten, was die Bedeutung verstärkter internationaler Umsetzung und weiterer Beitritte unterstreicht.

Dokumentation besonders verheerender Einsätze von Explosivwaffen

Seit Januar 2024 trägt Handicap International zusammen mit anderen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in regelmäßigen Abständen besonders schwerwiegende Einsätze von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten in der Ukraine zusammen. Diese Statements erscheinen in regelmäßigen Abständen und dokumentieren chronologisch die verheerenden Konsequenzen des Einsatzes von Explosivwaffen für die Zivilbevölkerung und die Infrastruktur. 

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